WOHNGRUPPE IN MÜNSINGEN „Das war etwas ganz Neues“, so Georg Schrode. „Uns ist es wichtig, dass Haus und Auto nicht auf eine ,Einrichtung‘ hinweisen. Wir begleiten hier einen ganz normalen Alltag.“ Früher wie heute werden die Angebote für Menschen mit Unterstützungsbedarf immer wieder auf den Prüfstand gestellt: „Als Standort leiter sehe ich mich mit dafür verantwortlich, auch für die Zukunft Konzepte zu entwickeln und passende Wohnangebote zu gestalten.“ Mehr Selbstständigkeit Das Konzept verlangt Organisation. Wer räumt die Küche auf? Wer bringt den Müll raus? Wer wischt das Bad? Fragen, die in allen WGs der Welt diskutiert werden. Es gibt Besprechungen, Wochenpläne und feste Zuständigkeiten. Die neun Mitarbeitenden, die alle in Teilzeit arbei ten, bieten tagsüber Unterstützung, aber nur gezielt da, wo sie gebraucht wird. Nachts ist keine Betreuung vor Ort, es genügt eine telefoni sche Rufbereitschaft für den Notfall. „Einkaufen zu können, zum Friseur oder auf die Bank zu gehen, das ist Alltag – und genau darum geht es. “ Georg Schrode, Standortleiter Wohngruppen der Behindertenhilfe/ Sozialpsychiatrie Münsiger Alb „Natürlich haben wir uns vor dem Umzug viele Gedanken gemacht“, sagt Georg Schrode. Einige der Bewohnerinnen und Bewohner leben mit starken Ängsten und psychischen Belastungen. Andere hängen sehr an vertrauten Routinen. Jedoch: „Bei manchen, bei denen wir gedacht haben, dass es schwierig wird, war es gar kein Thema“, sagt er. Annemarie Rathwallner vermisst hingegen das Leben auf dem Dorf schon noch ein bisschen; die Ruhe, die Natur und den Blick auf die Wacholderheide. Wer ihr Zimmer betritt, sieht schnell: Hier wohnt eine Künstlerin. Bilder an den Wänden und auf Regalen, Farben, Figuren, Material. Annemarie Rathwallner hat vor vielen Jahren in Nürtingen Kunst studiert und dann an ganz unterschiedlichen Orten gelebt. In Goma dingen war sie gut angekommen. Sie sagt aber pragmatisch: „Dort war es landschaftlich schön. Aber hier habe ich andere Angebote.“ Mehr Alltag möglich machen In Münsingen gibt es Geschäfte, Cafés, Friseur, Busverbindungen, die Volkshochschule. Wer etwas unternehmen will, hat die Wahl. „Einkaufen zu können, zum Friseur oder auf die Bank zu gehen“, sagt Schrode, „das ist Alltag – und genau darum geht es.“ Einer, der diesen neuen Alltag genießt, ist Siegfried Hass. Er kennt die Wege in Münsingen inzwischen genau und nutzt die Angebote der Stadt ganz selbstverständlich. Etwa, um die Zutaten für seine Spezialität zu besorgen: seinen beliebten Wurstsalat. Manches dafür kommt aus dem Supermarkt, anderes vom Metz ger. Siegfried Hass weiß genau, wo was am besten besorgt wird. Und er weiß auch, wer was mag. Für eine Mitbewohnerin ohne Schwarzwurst, für alle anderen mit. Auch ein Platz für sein Schlagzeug wurde im Untergeschoss des neuen Zuhauses gefunden – der große Keller bietet nicht nur Raum für die Waschmaschinen, sondern auch für Hobbys. Neben dem Schlagzeug steht die beliebte Tisch tennisplatte und es gibt ein kleines „Werkstättle“. Gut in Münsingen angekommen Im kleinen Ort Gomadingen war die Wohnge meinschaft allseits bekannt, im etwas städtische ren Münsingen ist das nicht so. Darin liegen sowohl Vor als auch Nachteile. „In Gomadingen wusste jeder im Ort genau, wer zu uns gehört“, sagt der Heilerziehungspfleger Bernhard Jakob, „hier in Münsingen ist es anonymer.“ Was aber nicht bedeutet, dass es weniger gute Nachbarschaft gibt. Die Inhaberin des Friseur geschäfts gegenüber freut sich über die neuen Nachbarn: „Es ist schön, dass da drüben immer jemand ist“, sagt sie, und kurz darauf diskutiert sie mit Georg Schrode Ideen für ein gemeinsames HofSommerfest. 23